Gerwin Baier im Interview

Was macht den Unterschied zwischen lösungsfokussiertem Coaching und anderen Coaching-Methoden?

Gerwin Baier: Ich denke die “radikale” Ausrichtung auf die Lösungsebene. Natürlich zielt jedes Coaching letztlich auf Lösungen ab.

In dem von uns verwendeten Ansatz (Kurzzeitcoaching nach Steve de Shazer) führen wir oft Gespräche, bei denen wir das Problem des Kunden nicht einmal kennen und erzielen dennoch hilfreiche Lösungen. Und das Erstaunliche dabei ist, dass die Lösung mit dem Problem oft gar nichts zu tun hat.

Woran merkst du, dass dein Coaching erfolgreich war?

Gerwin Baier: Das können die leuchtenden Augen des Coachee während des Gespräches sein, wenn neue Perspektiven und Ideen entstehen, oder wenn der Kunde bei einem Folgegespräch von Verbesserungen seiner Situation erzählt. Es gibt also zwei “Zufriedenheiten”. Die direkte während oder nach dem Gespräch, und jene im Alltag des Kunden.

Was ist dir wichtig als Coach | als Trainer | als Mensch?

Gerwin Baier: Boa  – das sind ja gleich drei Sachen auf einmal (lacht). Aber es gibt durchaus etwas, was mir über alle drei Rollen hinweg sehr wichtig ist, und das ist Wertschätzung. Ich denke, die Grundformel „Ich bin ok. Du bist ok.“ bietet immer noch eine aktuelle Richtschnur, egal ob du mit Kleinkindern oder mit Vorständen zu tun hast. Ich empfinde es als bereichernd und bin jeden Tag auf´s Neue am üben.

Worauf legst du größten Wert bei deinen frisch ausgebildeten Coaches?

Gerwin Baier: Dass sie zum einem bereit sind mit dem Lösungsfokus zu arbeiten und zu experimentieren, und dass sie ihren eigenen, ganz persönlichen Coachingstil entwickeln.

Hat jeder das Zeug zum Coach?

Gerwin Baier: Jeder der gesund ist und eine positive Grundhaltung zu sich und zu anderen Menschen hat, kann das Handwerkszeug dazu lernen. Und alles weitere ist wie bei jedem Beruf, Sport oder in der Kunst: üben, üben, üben …

Wurdest du schon einmal mit einer schwierigen Thematik konfrontiert im Coaching und dann war die Lösung ganz simpel?

Gerwin Baier: Wenn ein Kunde einen Coach aufsucht, ist die Thematik oft schwierig, sonst würde er diesen Schritt nicht machen.

Ich hatte auch schon ein Coaching, wo der Kunde nach gerade mal 10 Minuten gemeint hat, es wäre ihm eben klar geworden, was zu tun ist. Da war ich auch baff.

Wofür braucht der Mensch Probleme?

Gerwin Baier: Es gibt von Henry Ford ein schönes Zitat, das lautet: „Probleme sind verkleidete Möglichkeiten”. Ich denke, da steckt was Wahres drin. Oft brauchen wir Situationen mit denen wir unzufrieden sind, damit wir uns weiterentwickeln. Wenn ich z.B.  in der Badehose vor dem Badezimmerspiegel stehe und mir gefällt nicht was ich sehe, habe ich einen Grund mich mehr zu bewegen und weniger zu essen (lacht).

Welche Entwicklungen sind interessant zu beobachten bei der Arbeit mit Teams?

Gerwin Baier: Wenn der Moment entsteht wo sich ein Team als “ein Ganzes” wahrnimmt und sich dann nicht nur Barrieren auflösen sondern gleichzeitig das Potenzial in die Höhe schnellt.

Ist es möglich, eine nachhaltige Veränderung in einem bereits bestehenden Team zu bewirken? Was braucht es dazu?

Gerwin Baier: Es kommt auf die Veränderungsbereitschaft des Teams an. Manchmal muss der Leidensdruck schon sehr hoch sein, damit sich was bewegt. Ist beides nicht der Fall gilt der “umgekehrte Leitsatz” “Beteiligte zu Betroffenen machen”. Denn was mich nicht betrifft ist auch nicht wichtig.

Für welche speziellen Situationen und Herausforderungen bist du genau der richtige Mann?

Gerwin Baier: Ich fühle mich am wohlsten (und bin dann auch am effektivsten), wenn es darum geht Neues zu gestalten, Veränderungen zu coachen und begleiten, und Menschen davon zu überzeugen, dass sie mehr können als sie denken.

Wohin geht ein Coach & Trainer, wenn er selbst Probleme hat? Löst du sie mit deinen eigenen Methoden?

Gerwin Baier: Das hilft manchmal schon – und natürlich entwickelst du in diesem Beruf mit der Zeit auch “Selbstcoaching-Kompetenzen”.

Aber wenn ich wirklich nicht weiter weiß, helfen mir Gespräche mit Freunden, oder Bewegung in der Natur.

Und letztlich auch der beruhigende Gedanke eine unlösbare oder belastende Situationen zuversichtlich in die “Hände Gottes” zu legen, in Form eines Gebetes. Ich weiß das klingt pathetisch, aber für mich ist der Glaube an Gott seit meiner Jugend ein wichtiger Wegbegleiter.  Wir können das Gott, oder Leben, oder universelle Energie nennen. Ich bin überzeugt, dass es da etwas gibt. Alles hat seinen Sinn und alles wird gut – das hilft auch.

Was sind deine persönlichen Herausforderungen im Leben?

Gerwin Baier: Da gibt´s einige. 🙂

Als Vater von drei Kindern (zwei Mädchen und einem Sohn) ist mir eine gute Beziehung zu meinen Kindern sehr wichtig. Mir ist bewusst, dass ich immer eine Art Vorbild bin, egal ob positiv oder negativ. Und natürlich bevorzuge ich das positive Bild, das ist herausfordernd genug.

Als selbständiger Unternehmer lebst du immer etwas mit der “Sorge”, dass es morgen auch noch so gut läuft wie heute. Und der Beruf bringt es auch mit sich, dass ich viel unterwegs bin, und ich gut drauf achten muss, dass private Freundschaften und Beziehungen nicht zu kurz kommen. Und da ich auch etwas eitel bin, ist es eine Herausforderung nicht über Kleidergröße 52 zu “wachsen”, wenn ich auch sonst gerne für menschliches Wachstum stehe. 😉

Wie stehst du zum Thema „Abhängigkeit“ – brauche ich mein Leben lang einen Coach, um meine Probleme zu lösen?

Gerwin Baier: Genau das Gegenteil ist meine Sichtweise. Das ist auch der Grund weshalb ich den lösungsfokussierten Stil so gerne mag. Wir treffen ja unsere Coaching-Kunden häufig nur 2-3 Mal. Mein Verständnis von Coaching ist “Hilfe zur Selbsthilfe”.

Das mag jetzt etwas “eigenartig” klingen, aber das schönste Kompliment für mich ist, wenn der Kunden nach dem Gespräch merkt, dass er – so gesehen –  gar keinen Coach braucht.

Muss überhaupt jedes Problem gelöst werden?

Gerwin Baier: Muss überhaupt nicht und ich denke, das ist letztlich auch nicht möglich. Wir sind öfters im Leben gefordert mit unveränderbaren Problemen leben zu lernen. Und manchmal geht es gar nicht darum, das Problem zu lösen, sondern sich vom Problem zu lösen.

Wenn die Welt ein besserer Ort werden soll, dann … 

Gerwin Baier: … sollten wir zuerst darauf achten, dass wir das nicht übersehen.

Montag, 6.00 Uhr morgens. Mit welchem Satz/Gedanken bringst du dich in die richtige Stimmung für den Tag?

Gerwin Baier: Gut dass ich noch ne halbe Stunde liegen bleiben kann (lacht)

Ich mache öfters ein kleines “Morgen-Ritual” vor dem Aufstehen, wo ich mich im voraus für den erfolgreichen Tag bedanke. Die Aufmerksamkeit auf das zu richten, für das ich dankbar sein kann, ist ein Denkvorgang der mir sehr viel Energie gibt.

Wie wichtig ist die innere Kommunikation (Gedanken) für eine positive Entwicklung?

Gerwin Baier: Sehr wichtig, denn die innere Kommunikation ist gleichzeitig die Basis wie ich nach außen kommuniziere und auftrete.

Mir gefällt dazu das Gedicht aus dem Talmud: Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu deinen Worten. Achte auf deine Worte denn sie werden zu deinen Handlungen. Achte auf deine Handlungen, sie werden zu deinen Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, sie werden zu deinem Charakter. Alles beginnt beim Denken. Sogar wie wir uns fühlen, hängt mehr davon ab, wie wir über eine Situation denken.  Wenn du denkst du musst es allen recht machen, fühlst du dich schlecht wenn du einmal nein sagst. Wenn du denkst dass deine Bedürfnisse gleich viel Wert sind wie die deines Kollegen, dann fühlst du dich im Recht auch mal nein zu sagen.

Wie kann ich gezielt darauf Einfluss nehmen?

Gerwin Baier: Simpel gesagt: sich in Gedankendisziplin üben und jeden Tag als Chance sehen dies auf´s Neue zu tun.

Wenn ich mir konsequenter Weise bis zum Schluss überlege, worauf ich wirklich einen Einfluss im Leben habe, dann bleiben letztlich meine Gedanken übrig. Eine unschätzbare Freiheit, die mir kein Mensch nehmen kann.

Ein tolles Buch das mir zu diesem Gedanken einfällt: Trotzdem JA zum Leben sagen, von Viktor Frankl.

Wenn du nur einen einzigen Hinweis geben dürftest, der das Leben grundlegend verändern kann – was wäre das?

Gerwin Baier: Hör auf dein Herz – deine innere Stimme.

Wen würdest du gerne einmal coachen? (egal ob fiktiver Charakter, tot oder lebendig)

Gerwin Baier: Udo Jürgens, da er mich als Musiker seit meiner Kindheit fasziniert hat.

Was ist das Beste an deiner Arbeit?

Gerwin Baier: Dass ich sie wirklich sehr gerne mache und sie daher meistens nicht als “Arbeit” im herkömmlichen Sinne empfinde. Das ist absolut ein Geschenk.

Das Interview mit Gerwin Baier führte Judith Riemer im Februar 2016.